Mein Lieblingsstift

Mein Lieblingsstift… oh ja, als Kind hatte ich bestimmt einen Lieblingsstift. Vermutlich waren es sogar mehrere, denn ich hatte ganz viele und besondere Stifte. Bunte und kleine, auf dessen Ende man ein hübsches Radiergummi in Form einer Blume stecken konnte, überdimensional große dicke Stifte, die ein Glöckchen trugen, das klingelte, wenn man mit dem Stift schrieb, oder diese besonderen Spielestifte aus den Ferienparks, die ein Wappen trugen oder ein Schiffchen in sich fahren lassen konnten.

„Ich habe viele Lieblingsstifte“ hätte ich wohl als Kind gesagt.

Und heute?

Heute habe ich keinen Lieblingsstift mehr… stelle ich gerade mit Erstaunen und etwas betrübt fest. Ich sollte mir einen kaufen, schießt es mir durch den Kopf. Vor ein paar Jahren, als ich in der Boutique eines Kreuzfahrtschiffes gearbeitet habe, hatte ich mal darüber nachgedacht, mir einen Montblanc zu kaufen. Der Verkäufer aus dem Juweliergeschäft von nebenan meinte, dass man einen besonderen Stift für besondere Anlässe bräuchte. Mit verheißungsvoller Stimme sagte er immer zu seinen Kunden, es würde viel Hermachen, wenn man beim Kauf seines eigenen Hauses den Vertrag beim Notar mit einem echten Montblanc unterschreiben würde. Besondere Anlässe bedürfen eines besonderen Stiftes ! Oder man solle doch nur mal ans Heiraten denken. Schließlich würde man den Ehevertrag ja nicht mit   i r g e n d e i n e m   Stift unterzeichnen… wobei mir der Akt des Heiratens auf diese Weise betrachtet immer ziemlich unromantisch vorkam, da die Heirat ja etwas Freies, Freudvolles sein sollte und nicht etwas vertraglich Verpflichtendes.

Mein Lieblingsstift sollte auch kein Statussymbol sein, sondern etwas Liebgewonnenes. Ich habe jetzt gerade beschlossen, dass mein Lieblingsstift nun zu mir kommen darf. Es soll ein Stift sein, den man immer wieder verwenden kann, nicht so einer, der irgendwann leer und nicht mehr zu gebrauchen ist.

Vielleicht ist mein Lieblingsstift ein Füller, wobei ich als Kind immer beim Schreiben mit einem Füller Schwierigkeiten hatte. Als Linkshänderin habe ich mit dem Handrücken immer die Schrift verwischt, so dass die Buchstaben verschmierten und kaum mehr zu lesen waren. Dafür gab’s dann immer schlechte Noten. Außerdem verfärbte sich beim Schreiben mein Handrücken blau, was ich anschließend mit diesen stinkenden Tintenkillern wegmachen musste. Mit der Zeit gewöhnte ich es mir in der Schule an, meine Hand beim Schreiben zu verbiegen und auf eine bestimmte Weise nach unten auf das schräg positionierte Blatt zu legen, so dass die Tinte nicht verwischen konnte. Vielleicht ist ein Füller doch nicht so eine gute Idee. Er würde mich nun immer an diese unliebsame Situation in der Schule erinnern, in der ich mich verbiegen musste. Oder ich sollte doch damit schreiben, um mich über all die negativen Gedanken und Erfahrungen meiner Kindheit hinwegzusetzen und ihnen keine Macht mehr zu verleihen.

Mein Lieblingsstift könnte aber auch ein besonderer Kugelschreiber sein, bei dem sich die Mine einfach austauschen lässt, wenn diese leer ist.

Auf jeden Fall sollte mein Lieblingsstift nicht aus Plastik bestehen, sondern besser aus Holz oder einem anderen natürlichen Material. Oder es ist ein Bleistift zum Anspitzen. Da fällt mir ein, dass ich als Kind einmal zehn gleiche Bleistifte von meiner Oma geschenkt bekommen habe, auf denen mein voller Name in goldenen Buchstaben eingestanzt war. Ob ich noch einen dieser blau-goldenen Bleistifte irgendwo habe? Oder sind sie mit der Zeit alle abhanden gekommen???

Ein Kugelschreiber mit meinem Namen drauf wäre vielleicht auch fein.

Und wieder ist die Auswahl so groß, dass ich mich kaum entscheiden kann. Aber nun denke ich, dass ich mich gar nicht entscheiden muss, denn mein Lieblingsstift wird von sich aus zu mir kommen. Ich muss ihn nicht definieren. Er ist bereits definiert. Und ich bin jetzt offen, ihn zu empfangen. Wenn ich später in die Stadt gehe, werde ich mal nachschauen, ob er irgendwo in einem der Kaufhäuser liegt und darauf wartet, dass ich ihn abhole. Wie lange er wohl schon dort ist und auf mich wartet? Vielleicht erst ganz kurz, weil alles „just in time“ geschieht, vielleicht aber auch schon ein paar Wochen, Monate oder sogar Jahre?

Ganz gleich, wie lang wir schon darauf warten, uns zu begegnen, nun scheint die Zeit reif dafür zu sein. Und so freue ich mich, meinem Lieblingsstift in Kürze zu begegnen!

Nachsatz:

Nur wenige Tage nach dem Schreiben dieses Artikels fand ich einen meiner Lieblingsstifte aus meiner Kindheit. Der einzige, der es auf wundersame Weise bis hierher geschafft hatte. Es ist einer von den blauen Bleistiften, die ich zur Grundschulzeit von meiner Oma geschenkt bekam und auf den mein Name in goldenen Buchstaben eingestanzt ist. Ein einziger von den zahllosen Stiften aus meiner Kinderzeit hatte es überlebt. Völlig achtlos lag er auf dem Boden eines alten Tontopfes, zusammengepfercht mit Schraubenzieher, Kneifzange und einer Vielzahl an anderen beliebigen Stiften, die ich irgendwo auf meinen Weltreisen aufgegabelt hatte.

Was für ein wundervolles Geschenk, ein Schatz aus längst vergessenen Kindheitstagen, der nun wieder in meinen Händen liegt. Welch kraftvolles Symbol, welch glückliche Fügung, die mir mit dieser einfachen aber überaus wirkungsvollen Schreibglückübung zuteil wurde.

Von nun an werde ich dieses besondere Schreibutensil in Ehren halten. Es wird einen ganz besonderen Platz erhalten und mich daran erinnern, meine Geschichten zu schreiben. Und plötzlich höre ich meine bereits verstorbene Großmutter, die mir leise etwas zuzuflüstern scheint. Ich kann es kaum verstehen. Es ist nur ein Raunen, ein sanftes Wispern. Es kommt mir wie eine längst vergessene Botschaft vor, ein Wink oder Hinweis auf etwas, dass meine Oma bereits damals zu ahnen schien, und dass nun endlich ausgesprochen wird. Wie aus einer anderen Dimension offenbart sich dieses Wissen immer weiter. Es scheint nicht mehr fiktiv zu sein, ist keine Fantasterei, sondern zeigt sich überdeutlich in Form dieses kleinen blauen Bleistiftes, der meinen Namen in goldenen Buchstaben trägt und nun in meinen Händen liegt. Jetzt höre ich es noch intensiver. Es ist etwas, dass in meinen Kindheitstagen immer bei mir war, aber nie ausgesprochen wurde. Tief in mir drin blieb es verborgen, bis dieser scheinbar unscheinbare Stift heute, hier und jetzt sein Geheimnis preisgibt. Ein fast verloren geglaubter Wunsch, ein undenkbarer Satz, der in meinem Kindheitsbewusstsein noch nicht einmal vorkam, da er so abwegig erschien. Erst jetzt… jetzt ist er ganz klar und deutlich zu vernehmen. Behutsam lausche ich hin und höre meine eigene Kinderstimme, die mir sanft und zärtlich zuflüstert: „Eines Tages, wenn ich groß bin, möchte ich Schriftstellerin werden.“

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